Herbsthain


Kintsugi

Es war einmal eine Frau, die war allein. Es war einmal eine Frau, die wollte nicht einsam sein. Es war einmal eine Frau, die keck das Kinn hebt und fragt, was hat das Leben für mich zu bieten?

Du sagst, du bist zerbrochen. Etwas riss dich entzwei, und ließ die Trümmer zurück. Du bist allein. Du bist allein mit deinem Schmerz. Es ist Winter. Eisblumen legen sich auf dein Gesicht. Du fühlst sie nicht. Silberne Linien an deinem Handgelenk. Du zeigst sie nicht. Du weißt dich zu verbergen. Ein funkelndes Lächeln auf makellosem Porzellan. Du bist allein in der Dunkelheit. Du und der Schmerz. Du sagst, du verdienst es so. Lang sind die Wintermonate. Der Schnee verbirgt deine Spuren. Du willst es so. Du bist allein mit dir selbst. Du fühlst dich nicht.

Eine dicke Schneedecke lastet schwer auf dir. Sie drückt dich nieder. Jeder Schritt ist ein Kampf. Doch du hast dich für das Leben entschieden. Schritt um Schritt wanderst du durch dieses Tal. Kahle Äste strotzen dem Dezemberwind. Eine traurige Geige begleitet das Dämmerlicht. Im letzten Licht des Tages erscheint der Himmel in einem schmutzigen Grau. Du gelangst an einen See. Wie ein schwarzer Spiegel liegt er da. Du zögerst. Du hast Angst. Der Silberstreif am Horizont. Er ist nur für dich sichtbar. Langsam steigst du in den See. Das Wasser umspült dich. Es ist eiskalt. Der Schmerz schwillt langsam an. Er sticht wie tausend Nadeln. Kurz bevor du den Boden unter den Füßen verlierst, hältst du kurz inne. Du schließt die Augen. Und lässt dich fallen. Schwarzes Wasser umgibt dich. Du sinkst immer tiefer. Der See hat Dich verschluckt. Wie ein schwarzer Spiegel liegt er da. Die Angst. Du spürst sie. Sie stellt dir die Nackenhaare auf. Du spürst deinen Herzschlag. Du willst nach Luft schnappen. Doch schwarzes Wasser umgibt dich. Du sinkst immer tiefer. Die Angst. Sie flüstert dir ins Ohr. Die Angst versucht dich zu schützen. Die Angst fürchtet sich. Sie pflanzt dir Gedanken ein. Sie rasen durch deinen Kopf. Du sinkst zum Grund des Sees. Du spürst die Angst. Sie ist hier irgendwo. Du breitest die Arme aus. Und gleitest über den Grund des Sees. Und schließlich findest du die Angst. Sie kauert am Boden, versteckt zwischen Seetang. Sie fürchtet sich noch immer. Du nimmst deine Angst in die Arme. Du spürst, wie sie sich entspannt. Du nimmst deine Angst an die Hand. Ihr schwimmt zusammen zur Oberfläche. Am Ufer angelangt, macht ihr euch auf die Reise. Den weiteren Weg werdet ihr gemeinsam bestreiten.

Man hat dir gesagt zeig niemals Schwäche. Du pfeifst drauf.

Ein Riss ziert dein Gesicht. Heiße Tränen sickern durch die Bruchstelle. Eiskristalle schmelzen. Ich sehe durch den Riss hindurch. Ich sehe deinen Schmerz. Silberne Linien an deinem Handgelenk. Sie funkeln in der Frühlingssonne.

Die Maske bekommt Risse. Du zeigst dich mir. Ich sehe deine Schönheit. Ich sehe deine Wunden. Ich sehe, was es bedeutet Mensch zu sein. Und du tanzt, du tanzt nackt. Die Frühlingssonne zeichnet einen warmen Schimmer auf deine Haut. Das Leben blüht in dir. Du hast dich wieder zusammen gesetzt. Ein goldener Schimmer verläuft entlang des Risses. Stolz und erhobenen Hauptes. Eine Löwin steht vor mir. Du hast ein Feuer entzündet. Es lodert hell in deinen Augen. Der Winter war lang. Der Winter ist fort. Du hast ihn verjagt.

Du stehst aufrecht. Langsam hebst du Kinn. Du fragst, was hat das Leben für mich zu bieten?

#poetry