Die Ballerina

Die Ballerina

wie eine einzelne Kirschblüte, zart gezeichnet auf grober Leinwand

Getragen nur von einem zierlichen Zweig, erwachsen aus der Hand des Künstlers. Ersonnen, als Faustpfand für einen ruhelosen Rachegeist

ein rascher Strich des Katanas, blitzschnell zerteilt die Klinge die Luft

Ein einzelner Schlag, geführt ohne Zögern von sicherer Hand

Blut zieht eine filigrane Linie auf der glitzernden Schneedecke,

ein Leben fließt dahin

der Samurai ersetzt das Schwert durch den Pinsel

ein Moment des Zauderns, ein Zittern der Muskeln,

ein verirrter Strich des Pinsels,

dunkle Tinte auf hellem Pergament,

die Last liegt schwer auf seinen Schultern,

der Samurai greift zum Tantō,

das Leben des Samurai fließt dahin.

Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich kurz die Augen schließe, verliere ich das Gleichgewicht. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich mir einen Moment der Unachtsamkeit erlaube, breche ich ein.

Manchmal habe ich das Gefühl, auf dünnem Eis zu laufen. Manchmal möchte ich zuschlagen und das Eis zerbrechen, einbrechen, abstürzen, ertrinken im schwarzen Wasser ist immer noch besser, als auf den Moment zu warten, an dem das Eis mich nicht mehr trägt.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einer Seifenblase. Manchmal habe ich Angst, die Blase platzt.

Manchmal möchte ich meinen Wagen in den Gegenverkehr lenken. Manchmal möchte ich die Blase platzen lassen.

Die Ketten in meinem Kopf, sie wispern und tuscheln, sie flüstern ich bin ein freier Mann.

Manchmal will ich verglühen, wie ein unbeschriebenes Blatt im Kamin.

Das Glück, es ist zerbrechlich. Wie eine Ballerina, in cremefarbenen Kostüm, die Haut makellos wie Porzellan, rote Lippen und ein strenger Dutt. Die Augen finden keinen Halt, sie müssen das Gleichgewicht bewahren. Zart, wunderschön. Eine Violine erweist Tchaikovsky die letzte Ehre. Ich habe Angst, ihrem Lächeln einen Sprung zu versetzen, wenn ich sie berühre. Ich will sie halten, ich will sie an mich drücken, ich gehe auf sie zu. Elegant, graziös, anmütig entfernt sie sich von mir, Pirouetten drehend auf dem Drahtseil.

Für unsere Darbietung gibt es keine Choreografie. Wir tanzen, doch nur für uns.

Jeder Schritt, ein Wagnis. Ein gesichtsloses Publikum wartet auf das große Finale, auf den einen Moment. Die Sekunde kurzer Unachtsamkeit, ein Blinzeln. Unser Ringen, eine Kür auf der Klinge des Katanas.

Der Sog der Tiefe zerrt an mir. Der Tanz der Ballerina, Anmut und Eleganz, ein Kampf gegen die Angst. Sie tanzt um zu schweben, jede kühne Figur ein Moment der Freiheit. Im Geiste ist sie bereits gefallen. So lange sie tanzt, lebt sie. Sie fällt, sollte sie zaudern.

Leise flüsternd, fordert das Drahtseil seinen Tribut. Die Klinge dürstet nach Blut. Das Flüstern spricht von Freiheit und dem Schleier der Nacht. Das Flüstern verlangt Einlass, in mein Schloss aus Glas.

Der Blick in die Tiefe ist schwindelerregend,

die Ballerina lässt mich die Schlucht der Vergessenen leugnen. Ihr Tanz- Leidenschaft, Verzweiflung, Perfektion, Todesangst. Ich bin gefesselt, wie gebannt, ich will sie halten, es ist uns bestimmt, zu schweben.

Die Ballerina, erhellt die Nacht wie der Mondschein,

ihr Schimmern verdrängt das Flüstern.

Der Samurai erschlägt die Feinde des Shoguns,

für einen Moment der Stille.

Die Ballerina tanzt auf dem Drahtseil,

es ist das Einzige was ihr bleibt, bis der Abgrund sie ruft.

Der Samurai umklammert das Katana,

seine Dämonen wohnen darin.

Wir tanzen, auf des Messers Schneide. Das Flüstern schwillt an. Die Dämonen des Samurai rufen nach uns. Die Augen der Ballerina spiegeln sich in der polierten Klinge.

In ihren kalten Augen liegt der Ruf der Leere, als wären sie der Mahlstrom selbst.

Ich weigere mich, in ihrem verzerrten Spiegelbild den Hass zu sehen.

Ich strebe nach Glück, sie flieht vor der Gier in meinem Blick.

Ein gequältes Wesen, voller Furcht vor dem Absturz, ohne Ausweg. Kein Makel befleckt ihr Kostüm. Sie will mich hinunterstoßen, will mich aufschlagen sehen auf dem kalten Fels. Die Perfektion ist ihr einziger Trost.

Ich will sie besitzen, sie muss es wert sein, besessen zu werden.

Mein Leben in der Waagschale, meine Seele gesetzt auf Rot. Die Würfel sind gefallen, mein Fuß findet Halt, weit oben über dem Abgrund. Ich bekomme sie zu fassen, ich fühle mich frei. Erfüllt halte ich inne, dann bricht ihr Lächeln.

Gleich wie die Perfektion, grausam entstellt, zerspringt die sanfte Melodie, mit einem Kreischen. Die Saiten der Violine – gerissen. Die warme Decke wird mir entrissen, ich werde mit einem Faustschlag aus dem Traum geweckt.

Bedrohlich schwanke ich auf dem Drahtseil. Der Wind greift nach mir, und verführt mich, auf seinen Rücken zu steigen, und davon zu reiten.

Ein schmutziges Grau bedeckt den Himmel, der Blick in die Ferne bietet keinen Trost. Das Drahtseil, gespannt über einer Schlucht aus zerklüfteten Felsen, zittert leicht wie vor Aufregung. Meine Hoffnung bricht, wie die von kalten Stein zerschmetterten Gebeine der mal Gewesenen.

Im Kolosseum der Verdammten findet eine weitere Darbietung ihr jähes Ende. Die Geister der Gescheiterten, gelangweilt auf den Rängen. Sie warten auf den einen Moment, der faule Geschmack, für einen kurzen Augenblick bittersüß, wenn in einer weiteren Seele die Hoffnung stirbt.

Die Ballerina fällt, mit grausamer Banalität. Das dumpf knackende Geräusch ihres Aufschlags, wie ein Zweig unter dem Fuß der Zeit, ein Riss in meinem Geist. Der Tanz ist aus, der letzte Akt gespielt.

Alles was mir bleibt, ist eine letzte Verbeugung, vor einem Publikum, das die Schönheit des Lebens mit Abscheu beäugt. Ich schließe die Augen, und gebe mich dem Mahlstrom hin.

die Kirschblüte währt nur einen Wimpernschlag

sie verdörrt und fällt welk zu Boden.

Das Kostüm der Ballerina ist zerrissen,

auf einen gebrochenen Blick legt sich der Staub.

Gefangen in ihrer Vollkommenheit, ist es ihr nicht vergönnt

Sie sollte tanzen für mich. Sie sollte sterben durch mich.

#poetry


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