Stream of conscious
Ich habe das Gefühl, wir kommen immer tiefer an unsere Themen dran. Wir werden schlauer, wir sehen mehr. Verborgenes wird sichtbar. Und doch bleiben wir blind. Ein kurzer Moment der Erleuchtung, doch die Nacht bleibt Finster in Gänze betrachtet. Regen prasselt auf den Asphalt. Ein Sommergewitter entlädt seine Spannung. Blitze durchzucken die Schwärze des Nachthimmels. Der Donner akzentuiert die Unerbittlichkeit unserer Welt.
Ich habe das Gefühl, die Individuation ist eine Lüge. Ja es ist schön wenn sich Dinge offenbaren und wir uns selber begegnen und dann ein entspannteres Leben führen können. Aber letzten Endes drehen wir uns im Kreis, löse ich ein Thema auf taucht ein anderes auf. Ich werfe Licht in den Tunnel und werde dadurch zum „Sehenden“ in meiner eigenen Psyche, aber der Teil dessen was ich nicht sehe bleibt gefühlt immer gleich groß. Letzten Endes bleibt nur die Akzeptanz des Leids als ultimative Wahrheit hinter allem. Akzeptieren, dass wir nie alle Geheimnisse lüften können. Wir begeben uns auf die Reise, aber wir bleiben Reisende auf ewig. Wir kommen nirgendwo an, wir sterben nur während der Reise.
Ich ziehe meine Kleidung an, wie Spieler in einem mmorpg. Sieh meinen „Skin“, der mich von der Masse abhebt und in meiner Individualität unterstreicht, er zeigt: Ich nehme mich als eigenständiges Subjekt wahr, auch ich habe träume und wünsche, ich mache eine unterschied in dieser Welt. Der Ausdruck meiner Kleidung zeigt, ich gehöre zu einer bestimmten Gruppe, ich bin wer in dieser Welt. Ich trage meine Farben, um mir meine liebste Lüge zu erzählen: ich werde gesehen, und es macht einen Unterschied ob ich gesehen werde. Ich will gesehen werden, denn ich will glauben dass mein Leben einen Unterschied macht. Ich trage den HipHop Style zu meinem Schutz. Teil dieser Gruppe zu sein, gibt mir ein subjektives, aber letztlich illusionäres Gefühl von Sicherheit. Ich trage die Kapuze meines Oversize Hoodies zu meinem Schutz, weil ich mich von der Intensität der Welt abgrenzen muss. So kann ich das Gefühl haben, die Welt um mich herum zu kontrollieren. So fällt es mir leichter, die Lüge meines Unterbewusstseins zu glauben, ich hätte die Macht. Und letzten Endes tue ich all dies nur um mich von der Unvermeidbarkeit meines eigenen Todes hinwegzutäuschen. Mein Scheitern ist bereits eingeplant, was mir bleibt ist die Akzeptanz meiner Niederlage und die Hingabe an den Schmerz. Kennst du das wenn du dich deinen Ängsten stellst und sie besiegst? Kennst du das, wenn du dich wie der King fühlst und als ob du alles schaffen kannst? Kennst du das, wenn das Leben dich mit der gleichen Macht wie eh und je niederringt? Kennst du das, wenn du dein Unterbewusstsein erforscht, aber je mehr Licht du machst, desto dunkler wird es? Kennst du das, wenn du denkst du hast deine Themen bearbeitet und dennoch stetig neue dazukommen? Kennst du das, wenn du in deiner Selbstfindungsphase bist, und nachdem du dich gefunden hast, du dich genauso verloren wie eh und je fühlst? Vielleicht sind wir Nussschalen, allein auf hoher See. Wir können gemeinsam Segeln, doch dann bleiben wir gemeinsam orientierungslos. Ich weiß wer ich bin. Ich kenne meine Stärken und Schwächen, ich kann gut mit Worten, wenn ich denn will. Ich kann mäßig über Gefühle reden, aber für einen Mann schon ganz gut. Aber frag mich nicht ob ich traurig bin, ich bin ein Mann, ich zeige keine Schwäche. Ich bin beschissen in Mathe und in Organisation und Planung. Ich bin emphatisch und kann mich fein auf mein Gegenüber und dessen Emotionen einstimmen, aber wenn ich mich mit meinen Kolleginnen vergleiche, denke ich ich stehe noch am Anfang. Ich weiß wer ich bin. Ich bin diese Nussschale und das wird sich auch nicht ändern. Ich war seit jeher diese Nussschale, steuerlos auf hoher See und der Kompass zeigt unendlich viele Koordinaten gleichzeitig an. Lange dachte ich, ich muss nur endlich irgendwo ankommen. Wenn ich das geschafft habe, dann wird es endlich gut. Ich klammere mich an ein Ziel am Horizont, doch ich folge nur dem Sirenengesang. Ich werde niemals irgendwo ankommen, wir sind allein auf hoher See. Das einzige was mir bleibt, ist meine Orientierungslosigkeit zu akzeptieren. Ich bin diese Nussschale. Und ich werde untergehen. So wie jede Nussschale. Vielleicht habe ich auch keine Angst vor dem untergehen. Vielleicht habe ich Angst, von den schwarzen Tiefen verschlungen zu werden, bevor ich nicht jede Welle geritten bin. Vielleicht schreibe ich diese Texte, weil ich das Gefühl haben will, einen Unterschied gemacht zu haben. Doch Wellen schlagen im Ozean ist wie Salz ins Meer streuen, es macht einen Unterschied, doch letzten Endes werde ich Teil des großen Ganzen
