Balduin bemerkte früh, dass etwas nicht stimmte. Der kräftige Zwerg stand hinter der Theke und strich über die Tasten der Registrierkasse. Sie war ein handgefertigtes Unikat und von seinem Vetter Olwig für ihn zur Geschäftseröffnung eigens geschmiedet worden. Olwig pflegte zwar zu sagen, dass ein echter Zwerg nur zwei Dinge bräuchte: die unbändige Glut der Esse und einen schweren Hammer, der entweder zum Schmieden oder zum Bergbau benutzt wurde und das Balduin das Krämerhandwerk den Elstern überlassen solle, die seien gerissener. Doch da beide Vettern ausgesprochene Sturköpfe sind, und sich damit als sehr zwergisch bewiesen, ließ sich weder Balduin das Händlerdasein noch Olwig das Schmiedehandwerk ausreden und so kam es, dass Balduin in den Besitz der Kasse kam. Sie war aus dem geheimen Metall der Zwerge geschmiedet, dem Dwemer. Die Schmiedemeister der Zwerge hüteten das Geheimnis der Mischung eifersüchtig und gaben es nur an ihre Nachfolger weiter, die es ihrerseits streng beschützten und verfeinerten. So hat jede Zwergenschmiede ihr ureigenes Rezept mit einer individuellen Mischung, ein jede zeichnet sich jedoch durch enorme Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit aus. Balduins Registrierkasse jedenfalls war von messingähnlicher Farbe, doch wenn das Licht im richtigen Winkel schien, schimmerte die Kasse in einem glänzenden Kupfer. Filigrane Ornamente zierten die Kasse und sorgten so stets für Aufsehen in Balduins Laden. Die Kasse hatte einen glockenklaren Klang und hatte in den vergangenen 25 Jahren weder geklemmt, noch einen Tropfen Öl benötigt. Sie arbeitete zuverlässig wie ein Uhrwerk und war, schlicht gesagt, ein Meisterstück zwergischer Schmiedekunst.
Vor „Balduins Krämereien“ herrschte wie üblich geschäftiges Treiben. Balduin ließ den Blick über die Regale seines kleinen Ladens schweifen. Allerlei Töpfe, Tiegel und Gefäße standen auf den staubigen, Regalen aus massiver Eiche. Balduin handelte mit allem was das Zwergenreich so hergab und er war viel auf Reisen. Unterwegs sammelte er seine Waren, heimische Kräuter, exotische Gewürze, seltene wie gewöhnliche Mineralien, feine Stoffe und die begehrten Panzer der Insekten. Einmal besiegt, waren diese Kreaturen eine überaus lohnende Einnahmequelle, doch sie zu bekämpfen war gefährlich. Viele Arten produzierten ein Gift, welches im besten Falle sofort tödlich war und die Organe des Unglückseligen in einen insektenfreundlichen Smoothie vorverdaute. Doch Balduin hatte Geschichten gehört, dass dies nicht das Schlimmste sei. Fiel man den gefürchteten Spinnen zum Opfer, so lähmte das Gift das Opfer bis zur völligen Bewegungslosigkeit. Die Spinnen verschleppten dann die wehrlose Beute und bewahrten sie auf bis sie Hunger bekamen, sozusagen als lebende Vorratskammer. Niemand soll je lebend einen Bau so einer Spinne verlassen haben. Balduin fragte sich zwar, woher dann die Geschichten kommen, beschloss aber dennoch den Wahrheitsgehalt nicht auf eigene Faust testen zu müssen. Balduin beschränkte sich darauf, Raupen aus dem Hinterhalt zu erlegen. Die kräftigen Mandibeln der Tiere konnten, fähig weiterverarbeitet und anschließend im Stiefel versteckt, eine unauffällige wie tödliche Waffe sein. Dann und wann fand er einen der riesigen Hirschkäfer, der sich aus Altersschwäche zum Sterben zurückgezogen hatte. Von diesem Tier konnte er fast alles zu Gold machen. Der Panzer wurde zu Rüstungen oder Tresortüren verarbeitet, das Horn konnte eine fürchterliche Waffe sein und die feingliedrigen Flügen trieben, in den Wind gespannt, zuverlässig Mühlen und Schiffe an. Das Fleisch war bedenkenlos essbar und erfreute sich großer Beliebtheit, nur für die giftigen Innereien des Hirschkäfers hatte Balduin keine Verwendung und ließ sie liegen.
An diesem Tag strich Balduin wie jeden Tag über die erhabene Struktur der Verzierungen, zärtlich wie zur Begrüßung eines alten Freundes, doch die erwartete beruhigende Wirkung blieb dieses Mal aus. Er legte die Finger auf die Tasten, und da spürte er es. Die Tasten der Kasse vibrierten. Diese Tasten haben in 25 Jahren noch nicht vibriert. Etwas stimmt nicht. Etwas ist ganz gewaltig nicht in Ordnung.
Die großen, dunklen Apothekergläser in Balduins kleinem Gemischtwarenladen zitterten leicht, als wollten sie von den Regalen hüpfen.
Balduin trat hinter der Kasse hervor und in diesem Augenblick gab es ein ohrenbetäubendes Krachen, das Geräusch fuhr Balduin durch Mark und Bein und er hielt sich vor Schmerz die Ohren so fest zu er konnte. Das Vibrieren wurde stärker und überall in Balduins Laden fielen die Gefäße von den Regalen. Gerade wollte Balduin retten, was zu retten ist, da riss ihn das Vibrieren und Schütteln wie ein Erdbeben von den Füßen. Balduin schlug hart auf dem Boden auf und hielt sich den schmerzenden Schädel, als das Vibrieren und Schaukeln von jetzt auf gleich aufhörte. Für einen Moment war es totenstill in Balduins Laden, und er hielt den Atem an. Da knackte es ohrenbetäubend ein zweites Mal und der Boden unter Balduin riss auf! Mit einem beherzten Hechtsprung rettete Balduin sich hinter seine Ladentheke. Keine Sekunde zu früh, denn nur einen Wimpernschlag später kippte sein Laden zur Seite weg. Die große Eiche, Balduins Zuhause, das Zuhause der Zwerge, war gefallen. Balduins Laden befand sich genau an der Abbruchkante und der alte Zwerg spähte fassungslos über die Kante. Wie ein gefallener Riese lag die Eiche auf dem Waldboden. Der Wind riss an Balduins Kleidung. Er war in dieser Eiche geboren. Seit Generationen lebte sein Volk in dem kräftigen Baum und die alte Eiche hatte sie stets gut beschützt. Nun war sie fort. Und mit ihr alles, was Balduin je ein Zuhause genannt hatte.
