Die Männer des Hains
Ah… schenkt einem alten Mann für einen Moment Euer Ohr, seid Ihr so gut? So tretet heran, stolzer Held…. Ich verblasse, müsst Ihr wissen. Doch Ihr… Seht Euch an, so stattlich.. Ihr steht aufrecht. Selbst die Eiche beugt gramerfüllt ihr Haupt.. Sagt, seht ihr die Hainbuche, junger Freund? Der Alte zeigte auf eine der Hainbuchen, die hier wuchsen. Der Baum auf den er zeigte, hatte einen dicken Stamm und er sah ganz verdreht und ineinander verknotet aus, wie dicke Adern an einem starken Arm. Ein jeder dieser Bäume, so sagt die Legende, war einst ein Jüngling, wie Ihr mein Freund. In der Blüte ihres Lebens, wandten sie sich ab und umgaben sich mit düsteren Mächten, die sie nicht zu begreifen vermochten. Fühlt die Rinde.. Der Kern ihrer Jugend schlägt noch immer unter dieser Borke… Sie weigerten sich, zu verblühen.. Und so baten sie um Hilfe. Sie beteten und flehten, leih uns deine Kraft! Sie spürten den Herbst. Junge Triebe, grün und kraftvoll… Doch vergiftet im Inneren, pah! Der Alte spuckte verächtlich auf den Waldboden. Sie sahen ihre Kraft schwinden… So jung.. So töricht!.. Der Alte wurde von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt. Als das Beben abebbte, schrie er zornig: Ich zehrte sie aus, versteht Ihr nicht?! Blut und Speicheltropfen stieben aus seinem zahnlosen Mund. Allzu köstliche Jahre haben sie mir geschenkt, doch das kostbarste blieb mir verwehrt.. Das Bernsteinherz, der Geist der Jugend… Für immer verschlossen. Auch Ihr werdet mir Eure Jahre schenken.
Denn obschon ich offen zu Euch sprach, glaubt Ihr, Euch könne dies nicht geschehen. Doch der Hain wird sich wandeln, wie die untergehende Sonne. Auch Ihr werdet welken… Doch seid unbesorgt…Ich werde hier auf Euch warten.. Nun geht… Ihr werdet zurückkehren. Eure Brüder… Sie erwarten Euch… Mit diesen Worten drehte der Alte sich um und strich beinahe zärtlich über eine der Hainbuchen. Und verschwand lautlos im Zwielicht.
Harmonie und Frieden
Es waren einmal die Geschwisterkinder, Harmonie und Frieden. Es waren streitsame Kinder und sie zankten und zofften sich immerfort. Saßen sie zu Tisch, so wachten sie eifersüchtig über den Teller des anderen. Erzählte der eine von den Erlebnissen des Tages, so wusste die andere es besser. Spielte Harmonie schön mit ihren Bauklötzen, so nahm Frieden sie ihr weg. Und so zankten, stritten und balgten die Kinder sich immerzu, dass es eine rechte Freude war. Eines Tages jedoch, da warf die Mutti Harmonie und Frieden aus dem Haus und rief: „geht! Und kommt nicht eher wieder, ehe ihr gelernt habt, einander zu leiden!“
Und so standen Harmonie und Frieden auf der steinigen Straße und die Mutti schlug die Tür mit einem so lauten Rumms! zu, dass man Angst haben musste, die Fenster könnten zerspringen. Barfuß standen die beiden Kinder auf der Straße und stritten sich, der jeweils andere sei schließlich schuld an ihrem Leid. Harmonie und Frieden warfen sich die tollsten Flüche an den Kopf und vor lauter schönem Streit vergaßen sie die Zeit. Als die Dämmerung schwer über dem Horizont hing, wurde es den beiden Streithähnen etwas bang. Schweren Herzens mussten Harmonie und Frieden das Kriegsbeil begraben und eine Bleibe für die Nacht finden.
Alptraum
„Heute bin ich mit hämmernden Kopfschmerzen aufgewacht. So mies hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Und dieser Traum..“
„Was für ein Traum?“
„Na gut, ich werd’s versuchen. Ich weiß nur noch, dass ich Angst hatte. Und.. war da nicht eine Frau..? Ja.. ich erinnere mich.“
„Kam Ihnen die Frau bekannt vor?“
„Nein, ich denke nicht. Sie war mir unheimlich.“
„Erzählen Sie mir von ihrem Traum“
Ich seufzte. „Okay. Aber nur weil Sie es sind.“ Ich zwinkerte der Therapeutin zu. Schweigend schaute sie mich an. Ich wusste, was sie sagen würde. Romantische Gefühle zwischen Therapeut und Klient sind nicht unüblich, blablabla. Wen interessierts. Ich seufzte erneut, als sie nicht reagierte. „Ich glaube ich war in einem Boot.“ begann ich. Aufmunternd nickte sie mir zu. „Ja.. Ich war allein in einem Boot. Und ich fuhr durch einen Sumpf. Es kam mir ewig lang vor. Irgendwann kam ich zu einer Hütte. Ich legte das Boot am Steg an und stieg aus. Dann betrat ich die Hütte. In der Hütte saß eine Frau, ganz in sich zusammengesunken, mit schwarzen langen Fransen vor dem Gesicht. Ich streckte die Hand nach ihr aus, da hob sie den Kopf und sah mich direkt an. Ihr Gesicht war so wunderschön. Makellose Haut, verführerische mandelförmige Augen und ein warmes Lächeln. Ich ging einen Schritt auf sie zu. Da verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Ich wollte etwas sagen, doch ich konnte nicht. Sie zog und zerrte an ihrem Gesicht, als wolle sie sich die Haut vom Fleisch kratzen. Da sah ich es. Ihr wunderschönes Antlitz war nur eine Maske. Sie nahm sie ab, und darunter kam eine wutverzerrte Fratze zum Vorschein. Die gleichen Augen und Lippen, in die ich mich beinahe verliebt hätte. Doch jetzt starrten diese Augen mich hasserfüllt an, der Mund zu einem Schrei verzerrt. Sie schrie. Es ging mir durch Mark und Bein. Und während sie schrie, began sie von Innen Feuer zu fangen. Als würde man unter ein Blatt Papier ein Streichholz halten, glühte sie erst und brannte dann lichterloh, während sie schrie. Ich wünschte mir nur, sie würde endlich still sein. Und dann war sie es. Die Asche verglühte im Wind. Und die Stille wog schwerer als ihr Schrei. Ich wollte aus der Hütte rennen, doch ich bewegte mich wie durch dicken wackelpudding. Ich fiel rücklings in das kleine Boot. Dann bin ich aufgewacht.“
Während ich erzählt hatte, hatte meine Therapeutin nur stumm zugehört und an den richtigen Stellen genickt. Jetzt sprach sie mit mir, doch ich hörte sie nur ganz dumpf, wie durch Watte. Wenn nur diese vermaledeiten Kopfschmerzen nicht wären… Ich wollte nach dem Glas Wasser auf dem kleinen Beistelltischen greifen, als mir schwindelig wurde. Mein Sichtfeld wurde immer kleiner. Ich sah meine Therapeutin, doch wie durch einen stecknadelgroßen Tunnel. Dann wurde alles Schwarz.
Als ich erwachte, lag ich auf dem Fußboden des Praxisraums. Die reich verzierten Stuckleisten an der Decke waren mir vorher nie aufgefallen.
„Herr Christian? Hören Sie mich?“
„Ja.“ brachte ich krächzend hervor. „Was ist passiert?“
„Sie haben das Bewusstsein verloren und waren für etwa 5 Minuten ohnmächtig. Ich habe bereits einen Arzt verständigt. Wie fühlen Sie sich?“
Gut.. Es geht mir gut.“
Ich wedelte unwirsch mit einer Hand. Ein Riesen Theater mit Rettungswagen und dem ganzen Brimborium hatte mir noch gefehlt. Ich brachte ein müdes Lächeln zustande. „Das wird schon wieder.“
„Gut. Das ist gut. Erzählen Sie mir von Ihrem Traum.“
„Was? Nein. Ich hab höllische Kopfschmerzen.“
„Erzählen Sie mir von Ihrem Traum. Sie werden sich besser fühlen.“
„Nein, ich möchte wirklich nicht..“
„Erzählen Sie mir von Ihrem Traum.“
Die Kopfschmerzen meldeten sich mit Vehemenz zurück. Mir wurde übel.
„Hören Sie.. es geht mir nicht gut… Wo bleibt denn der Arzt? Ich bin nur froh, wenn ich den heutigen Tag überlebt habe und in meinem Bett liege.. Mehr will ich gerade wirklich nicht.“
„Sie sagen, sie wandeln unter den Lebenden. Doch wie können Sie da sicher sein?“
Die Therapeutin legte den Kopf schief und starrte mich an.
Ihr Blick war so durchdringend, er verursachte mir körperliche Schmerzen.
„Was… Ich verstehe nicht…“
Ihre Stimme klang wie ein Echo, gleichzeitig ganz nah und so fern. Ich sah sie an. Ihr Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Das muss eine Migräne oder so etwas ähnliches sein. Ich Schloß meine Augen, da ihnen derzeit wohl nicht zu trauen war.
Bevor ich hinüberglitt, hörte ich sie zu mir sprechen.
„Träum süß mein Kind.. Schlaf, und du wirst vergessen… Erneut. Nicht Dir ist die Frau im Traum erschienen. Du bist der Alptraum.“
#poetry
