Es ist ein kalter Novembertag. Ein grauer, wolkenverhangener Himmel verbirgt das letzte Licht des Tages. Ein leichter Nieselregen legt sich auf meine Schultern.
Ich werde melancholisch, ich denke an den Tod.
Knorrige Bäume wiegen sich im Wind, der Winter spielt sein Lied. Die Nordwinde tragen es fort.
Mein Großvater weint, das hat er noch nie getan. Die Münzen für den Fährmann wiegen schwer in meiner Tasche. Ich versuche Nähe herzustellen, ich habe Angst vor Ablehnung. Er glaubt, er darf nicht danach fragen. Der Fährmann verschwindet lautlos im Nebel. Meine Taschen sind leer.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, weiche ich vom Weg ab. Ein umgestürzter Baum bahnt den Weg über den kalten Bach. Efeu rankt sich um ihn, die alte Rinde ziert neues Leben. Ich ziehe meine Stiefel aus, der Waldboden ist kalt und nass unter meinen Füßen. Langsam wate ich ins Wasser. Dunkle Fluten zerren an mir. Die Kälte schmerzt, aber weniger als ich dachte. Der Bach gibt seine Geheimnisse nicht preis, mein Hund führt mich sicher ans andere Ufer. Warme Stiefel empfangen mich, der Schmerz ist vergessen.
Ich wandere entlang der trostlosen Kulisse toter Felder, mein Hund schreckt ein paar Krähen auf. Ihr Krächzen zerreißt die Stille. Sie besetzen einen einsamen Baum am Wegesrand und beäugen mich misstrauisch.
Die Patientin streckt ihre Hand aus. Blind tastet sie ziellos umher. Ihre schlanken Finger greifen etwas, das nicht da ist. Knorrige Zweige des Baumes zittern unter dem Gewicht der Krähen. Ein Windstoß erfasst die alte Eiche, die letzten Blätter werden fortgetragen. Ich nehme die Hand der Patientin. Ihre Augen zucken umher, sie sucht Halt. Sie sieht mich nicht. Ein Leben, hinfortgetragen vom Wind.
Nach kurzer Zeit betrete ich erneut den Wald, schwarze Pfützen spiegeln mich, wie ein venezianischer Spiegel. Hohe Kiefern stehen dicht an dicht. Sie schlucken das Licht. Ich bleibe stehen, nehme die Szenerie in mich auf. Ein leichtes Schaudern überkommt mich, ich sehe mich nach meinem Hund um.
Er ist verschwunden. Ich werde unruhig, ich rufe ihn zögernd. Der Wald ist still. Die Baumwipfel schauen zu mir herab. Ich rufe erneut, diesmal bestimmter. Mein Geist formt Schemen und Geister aus Totholz. Ich bin allein im dunklen Wald. Angst, sie packt mich unerbittlich. Die Schemen kommen näher. Ich bin verloren auf dem Weg, verloren im dunklen, kalten Wald. Ich bin auf dem Weg und kann nicht allein sein. Ich hab Angst vor dem Alleinsein.
Ich bin auf der Suche nach Wärme und Verbindung. Mein Bruder kuschelt sich an mich, das hat er noch nie getan. Das Blut auf seiner Oberlippe ist getrocknet. Unsichtbare Tränen fallen auf ein erkaltendes Herz. Die Schemen des Waldes meinten es nicht gut mit ihm. Ein hübscher Stein versinkt im Meer, geworfen aus Wut und Missgunst. Ich ertrage die Nähe nicht, ich gehe allein in den Wald.
Mein Hund taucht aus dem Unterholz auf, ich bin dankbar. Die Dämmerung fällt düster auf die Lichtung. Erleichtert lasse ich meinen Blick über das Marschland schweifen. Hier bin ich allein. Die Stimme in meinem Kopf klingt wie ein hyperaktiver Radiomoderator. Die Pause ist vorbei, die Nacht bricht herein. Dunkelheit empfängt mich, tote Blätter reflektieren das wenige Licht und weisen mir den Weg. Mein Hund verschwindet in der Nacht.
Ein Lichtstrahl zuckt zwischen den Bäumen umher, 2 Jogger kreuzen den Weg. Ich weiche in die Dunkelheit zurück, ich werde Teil des Waldes. Ich trage kein Licht. Ich bin still. Sie laufen vorbei, sie haben mich nicht bemerkt.
Mein Hund bellt knurrend auf mein stummes Kommando, sie können ihn hören aber nicht sehen. Hastig entfernen sich die Lichtstrahlen.
In diesem Wald machst du lieber Angst, als selbst Angst zu haben. Die letzten Kilometer liegen nun vor mir. Ich gehe gemächlich weiter.
Der Nieselregen ist erfroren. Das kalte Licht einer Taschenlampe tastet erneut die Bäume am Wegesrand ab. Ich bleibe außer Reichweite und stelle mir vor, wie es wäre zurückzuschießen.
Der Wald hat mich verschluckt. Ich bin ein Teil davon. Ich habe Angst vor der Dunkelheit, Angst vor dem Alleinsein. Und doch fühle ich mich wohl, solange ich in der Finsternis verschwinde.
Ich wandere entlang einer Waldstraße die letzten Meter und löse einen Bewegungsmelder an einem Haus aus. Ich bleibe stehen, beobachte die im Licht tanzenden Schneeflocken. Als ich weitergehe, erlischt das Licht.
#poetry